Bericht aus Arta vom Juli 2015

Ich hoffe, dass Solidarität ansteckend wird!

Eine wunderbare Gruppe solidarischer Frauen und eine großartige Stadt

Wir fahren direkt zur sozialen Arztpraxis und Apotheke, die mitten im Zentrum von Arta liegt, einer Stadt mit 40.000 Einwohnern und eine der strukturschwächsten und ärmsten Regionen Euopas. Ein heißer Winde weht durch die Straßen, gut dass es im Raum des KIF (Koinoniko Iatreio kai Farmakeio =Soziale Arztpraxis und Apotheke) schön kühl ist. Hier warten die Freiwilligen bereits auf uns. Wir sehen uns den hinteren Teil der Räumlichkeiten an, dort ist das Medikamentenlager des KIF. Es hat etwa die Größe von 3×3 Metern, auch eine Liege steht darin. Es ist aufgeräumt, in den Regalen liegen neue und nicht mehr benötigte Medikamente, die von Menschen aus Arta gespendet oder von den Geldspenden der Mitbürger. Gekauft werden. Unter den Besuchern des KIF seien sowohl Männer als auch Frauen. Sie geben die Medikamente in der Gegenwart des Arztes aus, dadurch sei gesichert, dass die richtigen Medikamenten an die Patienten verabreicht werden.

Im Raum stehen zwei Schreibtische und Computer, an denen die Buchführung gemacht wird. An den Wänden hängen Zeitungsausschnitte, auch Broschüren vom Gesundheitsministerium gibt es. Schnell lasse ich durchblicken, dass ich nicht nur 650 Euro mitbringe, wie angekündigt, sondern 1500, die wir in Bochum in nur wenigen Wochen gesammelt haben Ich glaube, sie freuen sich sehr, denn in diesen Tagen herrscht das von der Europäischen Zentralbank verhängte „Capital Control“ bereits in der dritten Woche.

Doch dann erscheint erst einmal die lokale Presse, der Taxydromos Artas. Ich berichte über unsere Initiative und unsere Geldspende, die Stimmung in Deutschland und über unsere Zusammenarbeit mit der Sozialen Arztpraxis und Apotheke in Arta. Dann bedankt sich Stefanos, der Arzt, offiziell und bei laufender Aufnahme bei unserer Initiative und schließlich ist Maria, Herz der Gruppe und Vorsitzende des Freundeskreises der Sozialen Arztpraxis an der Reihe. Auch sie bedankt sich bei uns, sie ist sehr gerührt und auch ich bin den Tränen nahe… der Artikel soll in einigen Tagen auf der Titelseite der örtlichen Zeitung „Icho tis Artas“ erscheinen. Und auch ein Radiointerview wird vereinbart, in dem ich über unsere Zusammenarbeit und unsere zukünftigen gemeinsamen Pläne berichten soll. Super!

Maria ist die Vorsitzende des Freundeskreise Soziale Arztpraxis Arta, der 45 Mitglieder hat und die Seele der Praxis. Seit der Gründung der Praxis am 13. Oktober 2014 war sie jeden Tag dort, keinen einzigen Tag habe sie gefehlt, erzählt sie. Und sie ist sich sicher, dass diese Haltung ihre Freundinnen derart überrascht und dann überzeugt habe, dass einige unter ihnen durch ihr Vorbild motiviert wurden, sich ebenfalls zu engagieren. In der sozialen Arztpraxis Arta arbeiten 10 Ärzte und Ärztinnen mit unterschiedlichen Fachrichtungen: Frauenarzt, Allgemeinpraktischer Arzt, Lungenfacharzt, HNO-Arzt, Mikrobiologe, Augenarzt, sowie eine Ärztin, die immer in der Praxis ist und eine Pharmazeutin. Sie und die übrigen rund 10 Aktiven, in der Mehrheit Frauen, vermitteln die Kranken an diese freiwilligen Ärzte, die sie dann unentgeltlich behandeln. Manchmal schicken sie auch Patienten ins allgemeine Krankenhaus von Arta, das auf einem Hügel oberhalb der Stadt liegt und so wie viele andere Kliniken unter Medikamentenknappheit leidet. Teilweise, so erklärt Maria, verfügt die soziale Arztpraxis über mehr Medikamente als das staatliche Krankenhaus. Ich will wissen, warum es mehr Frauen sind, ob es daran liege, dass Frauen von der Krise stärker betroffen seien, darüber kann sie nur hypothetisch antworten. Sie vermutet, dass Frauen möglicherweise mehr „mitbekommen“, sie gehen einkaufen, arbeiten, sie haben mit den Kindern Kontakt zu Schulen usw., möglicherweise haben sie mehr Gelegenheiten zur Wahrnehmung der Stimmungen und Situation der Vielen. Ihre Motive, sich ehrenamtlich in der sozialen Arztpraxis zu engagieren, so sagt sie, waren, dass sie bereits als Grundschullehrerin daran gewohnt war, der Gesellschaft etwas zu geben und sie war auch von anderen ähnlichen sozialen Arztpraxen bereits sensibilisiert. Als in Arta eine Medikamentensammlung für Kobane gemacht wurde, fragten sie und ihr Freundinnen sich, warum sie nicht auch für notleidende Patienten in Arta Medikamente sammeln sollten.

Doch sie geben auch Nahrung an Bedürftige aus, sammeln Kleiderspenden und unterstützen Familie zu Ostern und Weihnachten. Am Anfang hätte der Ärztezirkel von Arta versucht, die Arbeit des KIF mit dem Argument der Wettbewerbsverzerrung zu behindern, doch aufgrund der Tatsache, dass keine ärztlichen Untersuchungen im KIF stattfinden, gebe es auch keinerlei rechtlichen Probleme. Denn weil das KIF (Soziale Arztpraxis und Apotheke) Artas bisher nur über beschränkte Räumlichkeiten verfügt,  besteht eine der wesentlichen Tätigkeiten darin, für die Patienten, die sich keine ärztl. Versorgung leisten können, Termine bei in Arta niedergelassenen Ärzten abzuschließen, die sie dann unentgeltlich behandeln. Täglich ist eine Ärztin im KIF, die überprüft, ob die Ausgabe von Medikamenten an Bedürftige richtig abläuft. Schließlich brauche „die Solidarität“ keinerlei rechtliche Absegnung. Denn ihre Tätigkeit werde durch die Nöte der Menschen, die das KIF aufsuchen, legitimiert. Über Solidarität entscheidet nicht das Gesetz, sondern die Notwendigkeit.

Ich frage nach Ereignissen, die ihr besonders in Erinnerung geblieben sind und sie schildert das Ereignis, als ein Herr, der sehr „würdig“ gekleidet war, zu Ostern eine Nahrungsmittelhilfe erhielt. Er beugte sich ein wenig und dabei öffnete sich die Plastiktüte, so dass er im Inhalt eine Dose Kaffee erblickte. Er sagte daraufhin nur zwei Worte: „Sogar Kaffee?“ Dieser Herr sei mit 55 Jahren entlassen worden und müsse nun auf sein reguläres Renteneintrittsalter mit 65 bzw. mit 67 warten. Bis dahin habe er keinerlei Einkommen. Denn so etwas wie Sozialhilfe oder ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt es in Griechenland bisher nicht, steht aber auf der Wunschliste der neuen Regierung. Ob das mit der neuen „Vereinbarung“ der Regierung zu erreichen ist, für deren Zustandekommen die Institutionen ein Kürzungsvolumen von 10-12 Milliarden zur Bedingung gemacht haben, ist mehr als fraglich.

Abends fahren wir gemeinsam erst zum Meer, die Region steht unter Naturschutz, es gibt einige Strände, nirgendwo ist auch nur ein Tourist zu sehen… und dann nach Kommeno, einem der Märtyrerdörfer, in dem am 16.August 1943, gerade wurde die Hochzeit von Alexandra gefeiert, nahezu alle Menschen des Dorfes, 317 Männer, Frauen und Kinder, ermordet wurden. Nur jene, die auf den Feldern arbeitetet, bleiben verschont. Nun ist geplant, ein Museum zu bauen, auch die deutsche Konsulin sei bereits nach Kommeno gekommen.

Während wir, nach Arta zurückgekehrt, zu Fuß auf dem Weg in ein Café sind, hält immer mal wieder eine der Frauen an einem Bankautomaten an, um sich die täglich erlaubte Summe von 60 Euro abzuholen, dabei versuchen sie mit Witzen bei Laune zu bleiben. Schließlich beantwortet mir  die andere Maria einige Fragen. Sie sagt, dass sie als eine der ersten freiwilligen Helferinnen von Anfang dabei war, sie wollte in ihrer freien Zeit etwas Sinnvolles tun und „etwas zum gesellschaftlichen Ganzen beitragen“. Sie betont, dass auch sie etwas zurückerhält, nämlich die Freude daran, etwas uneigennützig Anderen geben zu können. Als ich sie frage, welche Schwierigkeiten sie am Anfang angetroffen habe, sagt sie, dass es die psychologische Seite war, dass sie vorher nicht geglaubt habe, dass es soviel Armut gäbe und dass sie einige Zeit gebraucht habe, um darüber hinwegzukommen. Eigentlich habe sie erst nach drei Monaten aufgehört zu weinen. Dabei habe es ihr geholfen, dass sie eine tägliche Beschäftigung hatte. Darüber hinaus gebe ihr auch mein Besuch neuen Mut, um weiterzumachen. Auf meine Frage, welches Ereignis ihr in der sozialen Arztpraxis besonders in Erinnerung ist, erzählt sie von einem Besucher, der 6 Kilometer auf der Hauptstraße geht, um mit dem Bus ca. 50 km bis nach Arta zurückzulegen und schließlich die Soziale Arztpraxis zu besuchen. Oder Menschen, die ihnen berichten, dass sie nur noch für drei Tage zu essen haben. Die Großmutter, die ihre verwaiste 12-jährige Enkelin aufzieht und die von 360 Euro im Monat leben.

Wir sprechen auch über die Zukunft unserer Kinder und das Niveau der Ausbildung an den griechischen und europäischen Unis. Alle sind sich einige, dass das Bildungsniveau in Griechenland sehr hoch ist. Maria erzählt, dass ihr Sohn als Arzt keinerlei Aussicht auf einen Job in Griechenland hat. Doch weder er, noch ihre Tochter wollen in Deutschland arbeiten, sie hätten während der Krise studiert und seien Deutschland gegenüber nun so ablehnend eingestellt, dass sie auf keinen Fall dorthin auswandern wollen. Die Tochter von Katerini ist Biologin, auch sie ist arbeitslos, will aber auf keinen Fall Griechenland verlassen. Sie findet es ungerecht, dass Staat und Eltern so viel in ihre Ausbildung investiert haben, und nun einfach woanders arbeiten soll. Maria fragt mich: „Warum wollen „sie“ unsere Kinder? Mit „sie“ ist Deutschland gemeint.

Was sind die Pläne für die Zukunft, das frage ich Maria, die Vorsitzende, am nächsten Morgen in ihrer Küche beim Kaffee. Es sei nötig, so schnell wie möglich, neue Räumlichkeiten zu beziehen und dann eine ständige Praxis mit einem allgemeinpraktischen Arzt und der entsprechenden Ausrüstung einzurichten, wo es mehr Raum, auch für die Medikamente gibt. Schließlich versorgt das KIF Artas schon jetzt dauerhaft 200 Patienten. Die Solidaritätsbewegung in Griechenland findet sie sehr bedeutend, kürzlich habe ein Koordinationstreffen aller Sozialer Arztpraxen und Apotheken stattgefunden, wo sie sich ausgetauscht und koordiniert haben. Sie versuchen parallel zu den Anstrengungen der Regierung helfend und beratend mitzuhelfen, beispielsweise sagen sie den Kranken, die über keinerlei Versicherung verfügen, auch in welche ministeriellen Programme sie eintreten können, an wen sie sich wenden müssen, usw. Über die Solidaritätsbewegung in Europa freut sie sich sehr, und es gibt ihr Kraft zu wissen, dass das Gefühl der Solidarität in Europa derart entwickelt ist. Sie hofft, dass die Solidarität ansteckend wird.

Das ist sie wirklich, ich lade sie zu einem Gegenbesuch in Deutschland ein und wir verabreden Veranstaltungen, wo sie ihr Projekt vorstellen können. Und dann, so haben wir mit allen vereinbart, dann machen wir einen gegenseitigen „Austausch“, nach Art eines Schüleraustauschs und lernen uns erst einmal kennen.

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